Ich fahre täglich mit der U-Bahn.
Heute ist Winter, früher Abend, Werktag in einer Stadt mit achtzehn Prozent Arbeitslosigkeit und wachsenden Schulden.
Heute ist Winter, früher Abend, Werktag in einer Stadt mit achtzehn Prozent Arbeitslosigkeit und wachsenden Schulden.
Draußen auf der Straße herrscht ein stilles Wuseln einer Menge Mensch. Wie vom Wind aufgescheuchte Blätter treibt es jeden in eine andere Richtung Dunkelheit.
Drinnen in der U-Bahn herrscht Ruhe!
Klares, hartes Neonlicht flutet auf mich und die anderen Fahrgäste nieder. Ich sehe sie deutlich vor mir.
Mir gegenüber sitzt ein Mann; kantiges Gesicht, dichter Vollbart, schlanke Statur, kräftige Arbeiterhände.
Mehlig-weißer Staub liegt auf seiner dicken schwarzen Nylonjacke. Darunter ein verschmutzter Blaumann und an den Füßen ausgetretene fleckige, braune Lederschuhe.
Er schaut an mir vorbei, hinaus in das Dunkel. In Gedanken weitweg bei Frau und Kind: ein Bauarbeiter.
Mehlig-weißer Staub liegt auf seiner dicken schwarzen Nylonjacke. Darunter ein verschmutzter Blaumann und an den Füßen ausgetretene fleckige, braune Lederschuhe.
Er schaut an mir vorbei, hinaus in das Dunkel. In Gedanken weitweg bei Frau und Kind: ein Bauarbeiter.
Bin paar Meter weiter eine Schülerin mit Markenkleidung mittlerer Preislage: gefütterte Collegejacke von Energie,Jeanshose im Usedlook von Pash; saubere fette Schuhe von Buffalo. Die schulterlangen brünetten Haare zurück gebunden, Augenbrauen gezupft und dicken Gloss auf den Lippen.
Sie kaut Kaugummi und tippt mit ihrem Daumen eine SMS nach der anderen in ihr Nokia. Zwischendurch immer wieder ein "Piep, Piep". Aber das hört sie nicht. Ihr Walkman läuft zu laut. Einzelne Beats dringen an mein Ohr.
Am anderen Ende des Wagens sitzt ein Mann mit auf Glanz polierten Lederschuhen und langem Wollmantel. Der hat dieses gepflegte Braun-Beige der mittleren Management-Etage. Vor ihm steht ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen, wohl seine Tochter. Sie trägt ein rotes Dirndl, dazu weiße Strümpfe und glänzende Lackschuhe. Darüber ein offener Strickmantel mit Kapuze. Die Kleine ist vergnügt und sichtlich stolz auf ihr Aussehen. Mit großenleuchtenden Augen stellt sie sich immer wieder vor ihren Vater und dreht sich im Kreis.
Das sind alle im Waggon.
Ich schaue durch die Fenster. Schwarze Tunnelwand. Als Kind, damals auf dem Land, hatte ich mich gefragt, wie das so ist: Blick aus dem Zugfenster und direkt dahinter Wand. Jetzt weiß ich es.
Auf dem Fenster Werbung:"Spenden Sie Jetzt!" - dazu große Augen eines afrikanischen Kindes,eine Kontonummer.
Darunter:
"Hol dir den neuen JambaKlingelton - Nur 1,99" - eine Mobilfunknummer.
Geldforderungen, abgepackt in kleine Rechtecke, auf einer Glasscheibe hinter der nichts ist. Lustiger Gedanke.
Ich schließe kurz die Augen und genieße das Rattern der Räder.
Nächster Halt. Ein Mann steigt zu. Ich kann ihn riechen, bevor ich ihn sehe. Ich schaue auf. Mitte Zwanzig, Bartstoppeln, verfilzte blonde Haare, dreckige Bomberjacke, speckige Jeans,versiffte Stiefel, mit Zeitungen in der Hand, steht er vor mir.
Er verkauft die Motz-Straßenzeitung,die kostet ein Euro. Fünfzig Cent davon gehen an den obdachlosen Verkäufer.
In der Regel ist dessen Wohnung abgebrannt und ohne Wohnung gibt es kein Geld vom Sozi. Um nicht betteln zu müssen,verkauft er die Motz. Aber gegen eine Spende hat er auch nichts einzuwenden.Schließlich ist es kalt, er ist obdachlos und auch sein Hund braucht was zufressen.
So oder ähnlich wird er sich gleich dafür entschuldigen, uns gestört zu haben.
So oder ähnlich wird er sich gleich dafür entschuldigen, uns gestört zu haben.
Direkt hinter ihm trottet dann auch schon der unvermeidliche Hund mit in die Bahn und läuft vor ihn in den Gang. Ein Mischling, groß wie ein Schäferhund, fleckig braun und mit ebenso starkem Geruch wie sein Herrchen.
Der braunbeige Mantelmann zieht seine Tochter zu sich heran und noch bevor der Motz-Typ mit seiner Redebeginnen kann, ruft er:" Könnten Sie bitte ihren Hund an die Leine nehmen?"
" Wie?", der Motz-Typ ist irritiert.
"Ob Sie bitte ihren Hund an die Leine nehmen könnten?"
Ich beobachte das Geschehen. Spüre die Kluft zwischen diesen beiden Männern, obwohl sie nur ein paar Meter auseinander stehen. Eine banale Bitte, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Ich sehe wie der Motz-Typ den Hund an die Leine nimmt. Sein Gesicht spiegelt sein Unverständnis wieder: Was hat er gegen den Hund. Warum muß ich meinen Hund an die Leine nehmen?
Ich sehe, das paßt ihm nicht.
Am nächsten Halt wechselt er den Wagen, murmelt ärgerlich vor sich hin.
Einige Stationen weiter steige ich aus und bin wieder in dieser Menge Mensch, die umherwuselt.
Ich sehe einen Mann mit Fahrrad.
Er verläßt in großer Eile den Aufzug, einen Hund an der Leine. Der Mann ist um die Fünfzig, dunkles Haar,ungepflegt, mit dunklem angeschabten Mantel. Sein Hut, tief ins Gesicht gezogen, behindert seine Sicht.
Das Fahrrad, voll bepackt, droht zu kippen. Er hat Mühe es zu halten. Auf der anderen Seite der Hund, der zur Seite zieht und partout nicht nach vorne laufen will. Hektisch versucht derMann noch in die U-Bahn zu gelangen. Dabei stößt er mit aussteigenden Passagieren zusammen.
"Weg da!", ruft er. "Ich muß da noch rein!"
Eine Frau verheddert sich in der Hundeleine und taumelt. "Moment! Das geht nicht so einfach!", sagt sie. Der Hund hat sie fast eingewickelt. Sie versucht ihre Beine von der Leine zu befreien. Die Situation ist ihr peinlich.
"Das geht alles!", brüllt der Mann und reißt an der Leine. Sie kippt nach hinten und fällt gegen einen jungen Studenten. Der Mann aber stürmt mit dem Hund und dem Fahrrad in die Bahn und ist weg.
Die Frau bedankt sich bei dem Studenten und ist sichtlich verärgert über diese peinliche Situation. Noch im Weitergehen schüttelt sie ständig den Kopf, während sie ihren Rock glattstreicht.
Ich gehe weiter zur Treppe.
Vor mir eine junge Frau.
Schlaffes blondes Haar mit Ansatz hängt auf eine kurze rote Lederjacke. Dazu trägt sie eine weiße Kampa -Trainingshose und graue Niketurnschuhe; sie hat zwei Jungs an der Hand. Beide sind um die sieben Jahre und stellen unentwegt Fragen:
"Warum läuft da Wasser,Mutti?"
"Ist das Haus da drüben schon fertig?"
"Warum arbeitet Papa da nicht mehr?"
Sie ist müde und gestreßt, ihre Antworten sind harsch und knapp:
"Weil da Wasser läuft!"
"Nein, die bauen noch!"
"Weil Papa da nichts mehr zu tun hat!"
Aber die Fragen gehen weiter.Die Kinder bemerken nicht, wie gestreßt ihre Mutter ist. Oder sie ignorieren es. Sie schreit: "Schluß jetzt! Verdammt noch mal, wenn ihr bei Papa seit,seid ihr doch auch ruhig und nervt nicht ständig mit euren saublöden Fragen!"
Die Jungs sind plötzlich still.Da sagt der eine: " Mami, ich bin die ganze Zeit über freundlich zu dir. Ich möchte, dass du auch freundlich zu mir bist!"
Ich staune nicht schlecht über diesen kleinen Jungen, der doch schon so genau weiß, was er will.
So fahre ich täglich mit der U-Bahn.
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